NZZ: Eine Frau schützt die Jugend vor Sex und Drogen

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SVP-Politikerin Verena Herzog ist von ausgesuchter Höflichkeit – doch bei Cannabis und Frühaufklärung versteht sie keinen Spass.

Verena Herzog lächelt, wie sie es meistens tut. Dem Wunsch des Fotografen mag sie aber nicht nachkommen. Mit verschränkten Armen vor dem Pavillon im geschichtsträchtigen Zürcher Platzspitz posieren? Auf keinen Fall – abweisend wirken will die Thurgauerin nicht. Doch hinter ihrer höflichen Art steckt durchaus eine Hardlinerin. Die Mission der SVP-Politikerin, die 2013 Peter Spuhlers Sitz im Nationalrat geerbt hat, ist der unbedingte Schutz der jungen Generation vor allem, was Körper und Geist verunreinigen könnte. Passend dazu hat die 61-Jährige eine neue Aufgabe gefasst: Seit diesem Juli präsidiert sie den Verein Jugend ohne Drogen. Dieser entstand 1994 im Dunstkreis des wegen seiner sektiererischen Züge hoch umstrittenen, 2002 aufgelösten Vereins zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM).

Jugend ohne Drogen ist in letzter Zeit ebenso in der Versenkung verschwunden wie sein letzter Präsident, der 2015 zurückgetretene Nationalrat Toni Bortoluzzi. Auch das Design der Website stammt noch aus der Frühzeit des Internets. Doch die Lobbytruppe und ihre neue Chefin werden künftig wieder eine grössere Rolle im Politzirkus spielen – vor allem wegen des Unheils, das Verena Herzog am Horizont aufziehen sieht: Der Verein «Legalize it!» dürfte bald Unterschriften sammeln für eine Initiative zur Cannabis-Legalisierung, die Grünen wollen den Hanfkonsum ebenfalls entkriminalisieren. «Das darf nicht passieren!», echauffiert sich Herzog, die auch bereits einen Auftritt in der SRF-«Arena» hatte. «Die Legalisierung würde eine glaubwürdige Prävention verunmöglichen.»

Sie könne ein Glas Rotwein geniessen, ohne einen Rausch zu haben – «Cannabis hat jedoch eine wesentlich längere Wirkung». Das weiss Herzog bloss vom Hörensagen, denn selber hat sie noch nie an einem Joint gezogen. «Das muss ich auch nicht, ich kenne genug tragische Fälle von Jugendlichen, die wegen Cannabis in psychiatrischer Behandlung gelandet sind.» Eine Anfang Jahr veröffentlichte wissenschaftliche Studie, an der auch Lausanner Forscher beteiligt waren, hat ergeben, dass Kiffen eine schizophrene Erkrankung auslösen kann. Herzog fühlt sich dadurch bestätigt: «Wir müssen Gegensteuer geben gegen die Verharmlosung aller Drogen.»

Selbstverantwortung gilt nicht

Das Argument, dass Erwachsene selbstverantwortlich entscheiden können sollen, welche Rauschmittel sie konsumieren möchten, lässt die SVP-Frau nicht gelten. «Ich will nicht noch mehr Elend – und wenn eine Legalisierung Tatsache würde, kämen Jugendliche leichter an die Drogen heran.» Experten sagen jedoch, dass es gerade die Prohibition sei, die den Jugendschutz erschwere. Denn dadurch wird der Markt den Kriminellen überlassen, denen das Alter der Kunden egal ist. Herzog kontert, dass Verbote, die nicht durchgesetzt würden, nur Scheinverbote seien. Polizisten berichteten ihr, dass verhaftete Dealer heute nach wenigen Tagen wieder auf der Strasse stünden. «Wir müssen die Repression verschärfen und den Dealern die Arbeit möglichst erschweren.»

So naiv ist Herzog nicht, dass sie an eine Welt ganz ohne Drogen glaubt. Und sie räumt auch ein, dass es Gelegenheitskiffer gibt, die mit dem Konsum umgehen können. Am Ziel einer «möglichst leistungsfähigen und verlässlichen» Gesellschaft hält sie dennoch unbeirrt fest. Was hätte sie gemacht, wenn sie in den Zimmern ihrer drei mittlerweile erwachsenen Kinder auf Haschisch gestossen wäre? «Ich hätte sofort das Gespräch gesucht, um zu eruieren, wo die Ursache liegt, und ihnen aufgezeigt, was die Folgen sind. Wenn das nichts genutzt hätte, hätte ich sie ohne Zögern auf Zwangsentzug gesetzt.» Die Gesellschaft schaue zu oft weg, findet Herzog. «Mit einem frühen und konsequenten Eingreifen könnte man viel Leid verhindern.» Die Schülerinnen und die Schüler will sie besser aufklären über die Risiken des Cannabis-Konsums – nicht mit millionenteuren staatlichen Kampagnen, sondern mithilfe von Ex-Süchtigen, welche die Heranwachsenden überzeugen sollen, die Finger von dem Kraut zu lassen.

Den aktuellen Boom von – legalen – Cannabis-Produkten mit dem Wirkstoff CBD, aber ohne das berauschende THC, verfolgt Herzog sorgenerfüllt. «Jugendliche können doch die Wirkung gar nicht abschätzen.» Zudem animierten die «coolen» CBD-Glimmstengel noch mehr Jugendliche zum Rauchen. «Viele werden auch THC-haltiges Cannabis ausprobieren wollen, da Süchtige nach mehr und härterem Stoff verlangen.» Anders als SVP-Kollegin Andrea Geissbühler, die den ähnlich ausgerichteten Verband Drogenabstinenz Schweiz präsidiert, lehnt Herzog die medizinische Verwendung von Cannabis nicht völlig ab. Sie fordert jedoch wissenschaftliche Untersuchungen, vor allem, was Neben- und Langzeitwirkungen betrifft.

Wider die Pornografie

In der Legalisierungsfrage gehen die Meinungen in der Rechtspartei auseinander: Die Zürcher Vertreter Natalie Rickli, Claudio Zanetti und Hans-Ueli Vogt etwa sprechen sich im Gegensatz zu Herzog für eine Hanf-Entkriminalisierung aus. Gesellschaftspolitisch befindet sich die gebürtige Winterthurerin Verena Herzog, deren Zürcher Dialekt sich auch nach 24 Jahren im Osten kaum abgeschliffen hat, ohnehin am rechten Rand ihrer Partei. Das zeigt sich auch in ihrem Engagement gegen die Frühaufklärung. Der «abstruse Sexkoffer» aus Basel mit Vagina und Penis aus Plüsch brachte sie derart in Rage, dass sie 2014 in einem Votum zur Volksinitiative zum «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» gleich fünfmal das Wort «pornografisch» in den Nationalratssaal rief. Die frühere Kindergärtnerin findet, die 2015 zurückgezogene Initiative habe viel bewirkt. So sieht der Lehrplan 21 vor, dass Kinder frühestens mit 10 Jahren Aufklärungsunterricht erhalten. Trotzdem sagt Herzog: «Wir müssen wachsam bleiben.»

Ihre Wachsamkeit gilt insbesondere der «Pädagogik der Vielfalt». «Dabei werden Jugendliche aufgefordert, dass sie sich überlegen müssten, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen», kritisiert Herzog. Dadurch würden die Heranwachsenden verunsichert. «Es ist nicht Aufgabe der Schule, die Kinder zu indoktrinieren und Homophobie zu bekämpfen, zumal ein Comingout heute glücklicherweise kein grosses Problem mehr ist.» Allzu offen sollen Homosexuelle ihre Liebe aber nicht zeigen: «Was früher unter dem Deckel gehalten wurde, wird heute bis zur Dekadenz ausgelebt.» Sie gönne den Homosexuellen das Vergnügen, betont Herzog. «Aber ich mag nicht, dass wir anderen uns schon bald für unsere Heterosexualität entschuldigen müssen.»

Selbstredend spricht sich Herzog auch gegen die Ehe für alle aus – wie stets argumentiert sie mit dem Schutz des Nachwuchses. Die Natur habe Mann und Frau nun einmal dafür ausersehen, zusammen Kinder zu haben. «Es ist bestimmt nicht im Interesse des Kindswohls, wenn Homosexuelle Zugang zu Adoptionen und Fortpflanzungsmedizin erhalten.» Ihr Basler Parteikollege Sebastian Frehner attestiert Herzog, sie sei geradlinig, jedoch nicht verbohrt. «In ihren Kerndossiers Drogen und Familie fährt sie einen harten Kurs, aber manchmal zeigt sie sich gegenüber sozialen Themen offener als ich und andere Kommissionsmitglieder der SVP.»

«Wahnsinnig konservativ»

«Herzog hat ein wahnsinnig konservatives Welt- und Familienbild», sagt hingegen SP-Nationalrätin Silvia Schenker, die mit Herzog in der Sozial- und Gesundheitskommission sitzt. Ihrer Kollegin fehle jegliches Verständnis für Menschen, die anders lebten als sie selber. Herzog sei geschickt darin, ihre «sehr restriktiven Vorstellungen» zu vernebeln, indem sie sich vordergründig verständnisvoll gebe. «Für sie sind Drogen des Teufels. Doch sie sagt nicht offen, dass man sämtliche Forschung zum medizinischen Nutzen von Cannabis verbieten sollte, sondern pocht darauf, dass die Forschung ‹fundiert› sein müsse – was immer das heissen soll.»

Das Fotoshooting am Platzspitz ist zu Ende. Hier hat die Schweizer Drogenpolitik vor über 20 Jahren ihren Tiefpunkt erreicht. Nachher setzte sich in weiten Kreisen die Einsicht durch, dass die Repression als alleiniges Mittel gegen den Rauschgiftkonsum versagt hat. Verena Herzog hingegen sieht keinen Anlass, von ihrem Law-and-Order-Ansatz abzurücken. Die unerbittliche Kämpferin für die Abstinenz eilt zum nächsten Termin. Und lächelt.

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Geschrieben in Medien.

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